Neues

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Erstmal Pause

Das Jahr neigt sich in den Abgrund und huch, es war ganz schön turbulent: Haldern Pop Bar, Schokoladen und gleich zwei großartige Tourneen. Eine Ruhezeit tut Not um sich von dem ganzen Trubel zu entspannen. Im April/Mai 2013 wirds dann wieder was geben.... Euch allen schöne und ruhige Tage, und seid unartig!

Liebst,

eure Jokermenschen

Sonntag, 14.Oktober 2012

Das Ende [der Tour]

Meine Augen sind halb-geschlossen und aus der Tiefe der Nacht drängt eine immer penetranter werdende Stimme in den halberleuchteten Raum. Wie sich herrausstellt handelt es sich hierbei um die Stimme von Martin, der in einem zunächst flammenden, dann wütenden und schließlich resignierendem Appell mich von der Notwendigkeit des Aufwachens nach 4 Studen Schlaf zu überreden versucht. Als er es dann aufgibt und die Tür hinter sich zuzieht, stehe ich auf. Während wir frühstücken geht die Sonne in den Fenstern des urigen Gasthofes auf und der Tag begrüsst unseren müden Gesichter mit lachenden Sonnenstrahlen.

Die Straßen sind leer und die Sonne scheint schon bald in voller Schönheit während es uns zurück Richtung Süden zieht. Die Fahrt vergeht, entgegen unserer Erwartungen, [fast] wie im Flug und auch wenn wir uns mehr durch den Tag ziehen als ihn bewusst erleben scheint alles recht einfach und schnell von der Hand zu gehen. Die Anlage steht schon da und der Rest ist schnell eingepegelt und aufgebaut. Der Raum füllt sich nach und nach mit Leuten und zwei Mitglieder der Enshins geben ein wunderschönes Debüt an zwei Gitarren und einer Bassdrum. Das besondere sind hierbei klar die Stimmen die in mannigfaltiger Art und Weise schwebend ineinander greifen. Nach sechs Liedern ist es dann durch und das Publikum sichtlich angetan und geradezu erwärmt. Wir treffen noch ein paar letzte Absprachen und legen dann relativ spontan los. Jeder wünscht sich nach und nach ein Lied und dann kreist das Wunschkonzert im Uhrzeigersinn an den Mitgliedern entlang. Es tut gut ein letztes Mal und in Ruhe die Tour zu verabschieden. Trotzdem merkt man wiedermal das das freiburger Publikum vor allem bei ruhigen Momenten einiges an Gesprächen nachzuholen hat. Immerwieder werden vor allem die leiseren Lieder gegen eine Wand gespielt. Natürlich frag ich mich dann wieso manche 7 € ausgeben um dann mal richtig zu quatschen zu können, aber es liegt ja nicht bei mir solche Fragen zu beantworten zumal das ja ein freiburger Phänomen zu sein scheint.

Am Ende ist alles wieder Gut und wir sichtlich erleichtert und fertig. Die Welt hat ihre kleine Grinsefresse offenbart und Uns schließlich doch in ihre Hände geschlossen. Wir hängen irgendwie glücklich und andererseits auch verunsichert in der Luft. Abschied steht uns auf der Stirn und in die Augen geschrieben. Was danach kommt ist erstmal fraglich. Keiner kann genau sagen ob es eine fünfte Tour geben wird. Trotz all dieser Zweifel ist es umso schöner zu sehen, dass wir eine so nette Konzertreise doch recht entspannt aus dem Ärmel schütteln können [und danach ersteinmal krank werden]. Für Rémy steht noch eine kurze Fahrt nach Sausheim an und für die Jungs geht es ersteinmal in die heimischen Betten. Ich schlafe kurz, bin am nächsten Tag bereits zurück im Osten und brauche noch lange Zeit um die Bilder in Ruhe im Kopf vorbeiziehen zu lassen.

Samstag, 13.Oktober 2012

Haldern

Das Land ist flach und kleine Baumgruppen in gelb-rot-grünen Tönen ziehen an uns vorbei. Rémy lenkt gelassen den Bus, Martin schläft auf der Rückbank und ich versuche die passende Musik dazu aufzulegen. Immer weider tauchen kleine Häuser auf und es ist auf eine sehr angenehme Weise nichts los. „Ich liebe diese „Enger-Orte“,“ hatte Martin am Abend davor noch gesagt. „Zum Urlaub machen,“ fügte ich hinzu und es mutet wirklich paradisisch an aus den alten angeschimmelten Fenstern den Herbst zu betrachten und, trotz höllisch jaulenden Motor, eine gewisse innere Ruhe und Ausgeglichenheit zu spüren.

Steven ist der Verantwortliche des Abends. Er begrüsst uns und macht sich unspektakulär an die Arbeit. Stefan kommt herrein, sagt Hallo und interessiert sich sehr für Hr. Hunds Arbeit an unserem Cover. „Das hat sowas melancholisch-dramatisches,“ sagt er und ich versuche sehr zu verstehen was er meint, was aber irgendwie auch nicht so wichtig ist, da ihm Christians Arbeit gefällt und er sich ein Poster einrollt und mitnimmt „fürs nächste Festival“. Die Atmosphäre könnnte man gut mit familiär und entspannt umschreiben. Man merkt kaum das es sich hier um eine der begehrtesten Lokalitäten für Indie-Bands handelt, nur das unglaublich leckere Schnitzel mit Brantkartoffeln, der „Knypie“ als Hauswein und das gebuchte Hotel lassen vermuten das hier Jemand weiss, wie man Musiker glücklich macht. Ausserdem ist die Umgebung über die hochwertige Bandauswahl der Bar wohl im Bilde, den kurz vor Konzertbeginn tummeln sich ca. 60 Menschen vor Tresen und Bühne was die kleine Bar ziemlich überfüllt. Unsere Lieder werden sehr nett aufgenommen und trotz reduzierter Lautstärke kommt beim Publikum Einiges an und auch Stefan steht hin und wieder konzentriert hinter der Bar und lauscht. „So schön transparent, eure beiden Gitarren,“ wird er später sagen. „Wie bei Mozart,“ entgegne ich und diesmal versucht er wohl zu verstehen was ich meine.

Da es wiedermal Samstag ist und alle dementsprechend gut drauf, habe ich wieder ein kleines Gin-Tonic Spiel mit Rémy am Laufen. „Einfach nur Küssen, was?,“ sagt Teresa und lächelt mich an. Doch so einfach wie im Lied soll es nicht sein [auch wenn der Gin-Tonic bei uns beiden in Sturzbächen fliesst] und irgendwann gegen Zwei verabschieden sich alle artig mit Umarmungen. Gunnar fährt von dannen und es ist schwer zu sagen wie gern wir ihn mittlerweile haben und wie viel Freude uns dieser Mensch gebracht hat. Aber er fährt, radikal wie er ist, ohne die Fahrtkosten einzukassieren. „Ein guter Tonmann ist die Halbe Miete,“ sagt Stefan und ich stelle mir vor wie Gunnar gelassen mit irgendeiner neuen Produktion im Ohr die Landstraßen entlangheizt und in der Ferne verschwindet. Jonas und Stefan versacken derweil und spielen sich gegenseitig Lieder vor und man wir das Gefühl nicht los das sich da zwei Musikverrückte gefunden haben. Die Nacht schreibt ihre eigene Geschichte und ich bin mir sicher das haldener Nachtgeschichten sehr unterhaltsam sind. Also: Wenn aufs Land ziehen, dann nach Haldern!

Freitag, 12.Oktober 2012

Frische Luft

Der Morgen graut und das Zimmer ist gefüllt mit Menschen, die länger als ich schlafen dürfen. Durch die, im steilen Winkel hereinscheinende, Sonne laufe ich etwas unbeholfen zwischen frisch öffnenden Märkten und gerade schließenden Spielcasinos von Straßenseite zu Straßenseite um den richtigen Bus in richtung Mitte zu erwischen. Berlins Häuserschluchten begleiten uns noch etwas durch das wirre Straßengeflecht bevor wir dann letztendlich die große Stadt hinter uns lassen und immer weiter in ländliche Gefilde treiben.

Unser zweites Konzert im engeraner Kleinbahnhof wird hauptsächlich von Bekannten besucht, die entweder schon einmal zusammen mit uns auf der Bühne standen oder aber bei Aufnahmen fürs erste bzw. fürs, evt. kommende, zweite Album mitgespielt haben. Da wären einige Bläser von Crystal Pasture, einer bis zu 13 Mann starken Polkaband. Auch die Spenge City Clappers, die so hingebungsvoll die Klatscher auf dem Albumstück „City, I know“ einschlugen, sind mit vor Ort. Die junge herforder Band „Dirty little Herbert“ macht die Vorband und da wir total verspätet sind muss es schnell gehen mit Aufbauen und Soundcheck. Draussen ist es feucht, etwas milder als in Berlin aber dennoch grau-herbstlich und duster.

Bevor dann richtig musiziert wird gibt es noch zwei kurze Interviews mit Zeitungen aus der Region zu bestehen. Wie sich später rausstellt kommen die beiden jungen Mädels nicht um das Konzert selber zu sehen. Nachdem sie Fragen vom Kaliber: „Weches Lied kommt am besten an?“ und „Wie lange spielt ihr schon zusammen?“ an mich gerichtet haben und artig meine Antworten aufschreiben, bleiben sie nur die ersten paar Minuten um Fotos von den Dirty Little Herberts zu schießen und dann recht schnell das Feld zu räumen.

Was das Konzert angeht ist es für mich gefühlsmäßig das schönste und ausgewogenste der Tour. Da kommt es ganz gelegen in so viele bekannte Gesichter zu blicken und hie und da funkelnde Augenblicke zu sehen. Was die Zurückhaltung der Westfallen angeht sind wir ja mittlerweile damit vertraut und wissen das leichte Tippeln mit den Füßen sehr zu schätzen. Erwähnenswert sind auch die beiden Verantwortlichen des Abends. Pädagogen wie sie im Buche stehen, schließlich ist der Kleinbahnhof ein Jugend- und Kulturzentrum. W-Lan? „Nein, dass geht nicht. Dies ist ein öffentlicher Raum.“ Ich verstehe immer noch nicht den Sinn dieser Aussage aber vielleicht lebe ich in einer zu anderen Welt. Die engeraner Welt schließt sich in dem gleichen Raum, der uns nach harten Studiotagen als Ruhepol diente. „Hier ist mein Kraftplatz,“ sagt Martin und legt sich auf eine aufgeblasene Matratze bevor es in Sekundenschnelle ruhig ist und wir endlich ausschlafen dürfen.

Donnerstag, 11.Oktober 2012

Süß und Bitter

Der Tag beginnt auf einem Kinderbett und mit tiefen erholsamen Träumen. Bis Elf Uhr bleibt das Zimmer still und nur Geräusche vom Flur aus mischen sich in den dösigen Schlaf. Als es dann endlich zum Duschen geht verabschieden sich die Meisten und nur Gunnar und ich bleiben zum Frühstück. „Was machste mit dem frischen Tag?,“ frage ich ihn morgenmüde und noch kaum gesprächstbereit. „Ersteinmal rausgehen und dann schauen in welcher Ecke der Stadt ich überhaupt bin.“ Es gibt bezeichneter Weise kein Kaffee um unseren schlafen Gemüter anzuheizen. Gunnar schmeisst ersteinmal seinen Computer an und plötzlich entspringt ihm ein lautes „Waaaas?“. „Was ist denn los ?“ frage ich. „Nils Koppruch ist gestorben.“ „Waaaas?“

Nun, wenn es ein Scherz gewesen wäre, wäre er zugegebenermaßen ein schlechter gewesen. Aber ist ja bekanntermaßen keiner, und so mischt sich Trauer in unseren Berlinbesuch und Stille in die sowieso schon ruhige Küche. Gunnar geht ersteinmal raus um Eine zu rauchen und ich versuche etwas über die Todesumstände rauszufinden, ersteinmal vergeblich. Dann beschließe ich in die sonnige Ruhe Schönebergs aufzubrechen und lasse Gunnar allein.

Schokoladen ist eine Institution von Haus, die in Berlin Mitte liegt und schon mehrmals von der Schließung und Totsanierung bedroht war und glücklicherweise noch existiert. „Danke für die Solidarität“ prangt gesetzt in Kinderbuchstaben an der rötlich-schwarzen Fassade. In der Umgebung wirkt das Haus wie ein wunderschöner Fremdkörper im sanierten und neugebauten Einheitsbrei. Beim Herrumlaufen fallen mir noch zwei weitere solche Gebäude auf, doch scheinen sie nicht bewohnt und haben nur hübsch verzierte und fantasievoll bemalte Fassaden. „Wir bleiben Alle,“ steht auf Einem geschrieben und wirkt eher wie ein Wunsch den wie eine Tatsache.

Das Konzert ist besser besucht und Corny auch nicht ganz so missmütig drauf wie am Vortag. Dennoch, seinen Einsatz wird er nicht wieder reinbekommen, was natürlich schade ist. Die Befürchtung, er könnte abhauen und gar überhaupt nicht auftauchen bewahrheitet sich allerdings nicht. Er steht etwas leise am Eingang und freut sich um jeden Gast, der durch seine stempelnden Hände rutscht. Zwischen den Gästen huscht eine Hauskatze entlang, die ziemlich streichelscheu ist und immer wieder aus verschiedensten Ecken auftaucht und wieder verschwindet.

Das Publikum feiert gediegen unsere Musik. Es ist schön da zu sein, zu spielen und der Klang süßt die Ohren vor und auf der Bühne. Zugaben kann es wegen der Einwohner keine geben, doch auch so sind alle zufrieden und es herrscht freundliche Trink- und Tanzstimmung. Trotzdem kann ich nicht umher, an vergangene Zeiten im schönen Freiburg zu denken und die sehr auf ihr Empfinden achtende Bevölkerung dort. Doch beim Rosenthalplatz und Berlin Mitte soll es heute nicht beleiben. Mit der U-Bahn zieht es uns nach Neuköln und durch dessen ungeschliffene Straßen. Während ich den Bus nehme radelt Alex, mein guter Kumpel, nebendran und lächelt ab und an vom Fahrrad herrüber. In einer WG auf Höhe der Häuserdächer endet dann der Tag bei einem Jam mit Geige und Bongos und der unsterblichen CocoRosie Zeile: „I fell in love with you just because the sky turned from grey into blue.“

Mittwoch, 10.Oktober 2012

Wir fahren nach .....

Berlin ist groß, aber soooo groß nun wieder auch nicht. Nein, Berlin ist rießig. Ach was, es geht, gerade noch überschaubar. Nicht wenn man mittendrin steckt. Doch, dann auch irgendwann.... So in etwa kann man sich ein Gespräch zwischen mir und Jonas vorstellen wenn es um Berlin geht. Unser erstes Konzert und meine neuerliche Nähe zu dieser [einwohnertechnisch] größten aller deutschen Städte machen doch sehr gespannt auf die kommenden zwei Tage. Meiner Erfahrung nach ist Berlin so etwas wie ein Glückspielautomat. Einmal ziehen und dann nur noch ein bischen Glück und man hat ne super Zeit und ist belebt und gleichzeitig fasziniert. Hat man weniger Glück kommt man nach einigen Tagen Berlin erschlagen wie nach zwei Wochen Nachtschicht ins angetraute Heim zurück. Zumindest waren das bis jetzt meine Erfahrungen mit der Hauptstadt.

Dazzle ist ein Club im Prenzlauer Berg und unweit vom Konnopke's Imbis gelegen, der uns auf Anraten Rémy's mit bester, höllisch scharfer, Currywurst versorgt. Zum ersten Mal sehe ich unseren Neuen kurzzeitig sein Gesicht verlieren und mit rot angelaufener Miene husten während glubschende Augen aus der verzerrten Gesichtsmuskulatur hervorlugen. Dann geht es hinnunter in dunkle Gefilde und an leuchtenden Wandstreifen entland in das Herz des Clubs. Der Abend ist überschaubar gefüllt und der Veranstalter Corny von Anfang an mürrisch. Er hatte wohl mehr Zuschauer erhofft. Donna, eine ursprüngliche Freiburgerin mit neuer Heimat in Berlin, stimmt sich ein und spielt wunderbar melancholische Lieder auf ihrer kleinen Gitarre. Gunnar hingegen ist mit „Schadensbegrenzung“ beschäftigt, wie er selber sagt. Zu eigenwillig und Feedbackanfällig ist der schwarze Keller des Clubs, in dem ich mich auf der Suche nach dem Klo verlaufe. Glücklicherweise steht das den wenigen Besucher nicht im Weg ihre Coolness abzulegen [oder ihre wahre Coolness zu beweisen] und sich voll dem Klang unserer Lieder hinzugeben. Sie feiern unsere Musik wie höchstens Villingen noch und beteiligt sich lautstark aus der Dunkelheit am Konzert. Als es darum geht Mitzusingen ist es so, als ob es genau das war, auf das Alle gewartet haben. Corny ist währenddessen nicht mehr zu sehen und ich finde ihn nach der langen Zugabe am Tresen. „Das war ja ein toller Abend,“ sagt er traurig lächelnd. „Es tut mir leid,“ entgegne ich.

Als es dann um die Gage für den Support geht verschlimmert sich die Lage und Corny weigert sich Donna ihre versprochenes Geld zu geben. Als ich etwas auf ihn einrede greift er dann doch zum Geldbeutel und drückt ihr wortlos ein paar Scheine in die Hand, läuft dann an ihr vorbei und stösst sie dabei fast um. „Wir sehen uns morgen um 17uhr,“ schalt es noch durch das rauchige Halbdunkel, dann ist er verschwunden. „Danke das du dich für mich eingesetzt hast,“ sagt Donna und läuft die Treppe hinnauf und davon in die kalte Nacht.

Dienstag, 09.Oktober 2012

Schöne neue Welt

Ein Besuch in Leipzig war bis jetzt tourtechnisch immer ein Abenteuer gewesen. Ob wir beim ersten Mal die Alki-clique im Waldfrieden mit unserer Alkoholscheuheit verschreckten, die Menschen im Kaffee Schwarz mit unserer doch etwas lauteren Musik etwas überrumpelten oder mit den lustigen Hippies in der Metarosa in den Himmel hinnein [und darüber hinnaus] feierten. Es war immer ein besonderer Tourstop gewesen. Diesmal wird das Abenteuergefühl von einem zusätzlichen Faktor begünstigt: Ich habe keine wirklich bewohnbare Wohnung, nur einen Rohbau mit gerade mal Strom und Wasser, der dazu auch noch staubig ist. Trotz dieses etwas ungewohnten Zustandes ist es eher ruhige Abenteurlust und geschmeidige Euphorie. Sachsen at it's Best also.

Das Greenfields Studio liegt auf der Lützner Straße unweit vom Lindenauer Markt und somit im Herzen Lindenaus. Eigentlich wird es gerade von Alice White als Residenz und Kunstraum genutzt um es in ihrem Sinne unzugestalten und am kommenden Wochenende im Rahmen von Lindenow [ein Rundgang mit verschiedenen Ausstellungen im Viertel] vorzustellen. Heute hat sie aber uns Platz gemacht und sitzt in einer Ecke, wippt mit ihren Füßen mit und sagt dann, nachdem sie den Soundcheck gehört hat, dass sie es toll findet. An den Wänden finden sich fließende Projektionen und selbst unsere Poster sind in einer interessanten Versatzform an den großen Ladenfestern angebracht.

Während einige Mechaniker [die Martin stilecht auf der Straße beim Vorbeilaufen aufgegabelt hat] unseren Tourbus für wenige Biers reparieren, klingen schon die ersten Töne aus Jonas Westerngitarre und Godot gibt sein Tourdebüt. Dann wechseln wir uns kurz ab bevor es dann in Komplett auf die Bühne geht und akkustische Töne den Raum füllen. Die wenigen Zuschauer quittieren die Lieder mit leuchtenden Augen und sind in bester Stimmung, fordern Zugaben und unterhalten sich mit uns als ob es keine Bühne gäbe [die eh nur wenige Zentimeter hoch ist]. Nach dem Konzert sitzen Grüppchen über den Raum verteilt, schlürfen Getränke und sind in verschiedenste Gespräche vertieft. Als Martin und ich dann Jonas in die Wohnung bringen und wieder zurückkehren läuft auf einmal südamerikanische Musik und Alice steht malend auf einer Leiter während ein Overhead-Projektor gemalte Splitter an die Wand projiziert. Rémy und Gunnar sitzen währenddessen gegenüber auf einem Sofa und schauen mit ähnlich leuchtenden Augen wie die Zuschauer vorhin beim Konzert zu ihr herrüber. Rémy döst dann aber doch als Erster weg, mit seinem Daumen auf die Lippen gedrückt. „Du schläfst aber lustig,“ sage ich. Er öffnet einen Schlitz weit die Augen und sagt in seinem elsässischen Akzent: „ich überlege gleichzeitig.“

Montag, 08.Oktober 2012

Regen

Um ehrlich zu sein, es hat nicht geregnet in Giessen. Höchstens war es feucht und etwas neblig. Aber es haben sich Veränderungen eingeschlichen, die die Zukunft der Band unter keinen guten Stern stellen und deren Auswirkungen man noch nicht erahnen kann. Es wäre doof nicht darüber zu sprechen denn es ist natürlich nicht gerade ein Energieschub wenn solche Probleme mitten auf Tour auftauchen. Regen im Kopf quasi und Sturm im Bandgefüge.

Aber zurück zur Musik: Gunnar stösst dazu und ist wie immer super. Macht einen tollen Sound und erzählt viele nette Sachen aus seinem Musikerleben. Das Irish Pub liegt in einer eher dreckigen Ecke von Giessen und die Leute erwarten, meinem Eindruck nach, eher akkustische Covers von Counrtyklassikern als das was dann wirklich kommt. Trotz das ich mich wegen oben erwähnter Schwierigkeiten nicht wirklich für dieses Konzert erwärmen kann scheint es ganz gut anzukommen. Martins Verwandschwaft ist quasi komplett anwesend und klopft in Takt auf ihre Schenkel. Vincent, Martins achtjähriger Cousin, steht aufmerksam beim Schlagzeug und beobachtet sein Spiel genau. Als es dann aus ist muss ich erst kurz raus und Luft schnappen, laufe einen kleinen Weg, der durch einen Vorgarten führt und bei einem großen Gebäudekomplex endet. Dann drehe ich um und lasse ruhigen Blutes den restlichen Abend vorbeiziehen.

Nachts ist dann nicht an Schlaf zu denken auch wenn er bitter nötig wäre. Die Auggen klappen einfach nicht zu und das Dunkel wird langsam wieder hell während die Schatten an den Wänden wandern. Kurz vor Sonnenaufgang nicke ich doch weg und lasse die Gedanken im Traum weiterschweifen. Puh....

Samstag, 06.Oktober 2012

Déja-Vu

Das Kleinstadtleben muss von inneren Wiedersprüchen gekennzeichnet sein. Eine Gemeinschaft die streng die Augen auf jede Tat und jeden Ausrutscher richtet, sich aber immer deiner erinnert und dich im Zweifel fängt. Was Villingen-Schwenningen angeht so kann ich zumindest sagen, das ich irgendwann meine ersten Partyerfahrungen hier gemacht habe, und ich weiss wirklich nicht auf welcher Seite des Städchens dies war. Danach folgten viele Jahre Abwesenheit und schließlich schloß uns eine kleine Kneipe in ihr Herz, die von nun dominant mein Bild dieser Stadt prägen sollte. Ich rede natürlich vom Café Limba.

„Carpe Noctem“, was nicht weniger bedeutet als nutze die Nacht prangt in lustiger Schrifft unter dem Namen der Kneipe selbst. Drinnen ist Bernhard, der Besitzer des Ladens, und einige das Stadium der ewigen Jugend längst überschrittene Gestalten. „Kaffee, du traust dich was!“ sagt ein angeheiterter Geselle mit strengem und etwas aufgequollenem Blick. „Im Limba geht das nicht“. „Kaffe ist zum Wachsein, zum Konzentrieren,“ entgegene ich und füge noch hinzu: „Bier ist zum Vergessen.“ Das kann er natürlich so nicht auf sich sitzen lassen und fängt an: Politik, Punk und Revolte. Ja, das hört sich nach seiner Jugend an. Auch er war aktiv und hat rebelliert: Gegen die Verhältnisse und die Steifheit des Bürgertums. Seine Augen blicken ernst drein und doch wirkt Alles was er sagt in etwas so fern von diesem Tresen an dem er lehnt wie die ausgeblichenen Zeichnungen an den Wänden. „Ich bin doch hier die Bahnhofsmission,“ schalt es aus Berhardts Richtung während ich den Kaffee in windeseile wegschlürfe und mich zurück zu meiner Band mache. Die Nacht ist noch weit weg und Zusammenschnitte von Fussballspielen laufen lautlos an der Wand während Remixes von Enio Morricone die Geräuschkullisse untermalen.

Nach dem Konzert gibt es dann eine Mission: Vier Gin Tonic und wehe weniger sollen es werden. Die Nacht ist schließlich zum Vergessen da. Jonas zieht es vor zu lesen und Remy nimmt es mit der selben Herrausforderung auf. Martin dreht indessen wieder die Plattenteller und heizt den Ofen an während immer mehr Leute in den kleinen Laden streunen. Als das Ziel dann erreicht ist und ich wackelig am fünften Gin zippe, scheint alles gut und richtig zu sein. Ein Dauergrinsen ziert meine Lippen. Als ich dann auf die Straße laufe lächelt auch Remy. Er zeigt auf sein Glas und hebt langsam vier Finger in die Luft. Auch er ist angekommen. Die Nacht hat uns ins Taumeln gebracht und wir erzählen uns gegenseitig Geschichten die in alle Richtungen laufen, bloß nicht zum Ende kommen wollen. Aus dem buntem Habdunkel schälen sich große Weisheiten und tiefe Erkenntnisse die zwischen Lachen und funkelnden Augen die Runde machen. „Immerhin,“ denke ich: Solange es das Limba gibt hat das Bürgertum in Villingen-Schwenningen nicht ganz gewonnen.

Freitag, 05.Oktober 2012

Ein Spiel

Im frühen Nachmittag scheint uns die Sonne auf die Köpfe als wir sorgsam die Sachen nach einem fast zu bekannten Muster in den Bus stapeln und gemächlich tuckernd die Ausfahrt aus dem Kollnau-Hauptquartier durchfahren. Im Bus ist es still und nur hin und wieder werden einige wenige Worte gewechselt, wie aus Vorsicht und der Vorausahnung, dass ja noch genug Zeit ist sich all die tollen Geschichten zu erzählen. Ansonsten scheint der Motor diesmal leiser zu brüllen und spätsommerlich zieht die Deutsch-Französische Grenze an uns vorbei wären der Großteil der Band schläft.

Eine schöne Gelegenheit unseren neuen Basser vorzustellen ist es gleich mal zu seinen Landsleuten rüberzufahren und Freitags in einem düster-schönen Club ein Ratespiel zu spielen. Das Spiel geht in etwa so: Wir tun Alle so als währen wir Franzosen und bemühen uns nach bestem Wissen und Gewissen all das Halbwissen über diese melodiöse Sprache möglichst korrekt umzusetzen und mit Phrasen wie „Je m'appelle Konstantin“ heimisches Vertrauen zu schüren. Rémy nennen wir indessen auf der Bühne „Hugo Stieglitz“ und er gibt sein bestes ein schlechtes Französisch vorzutäuschen. Die Zuschauer sollen dann erraten wer den von uns nun der wirkliche Franzose ist. Martin hat da als Sohn einer Französischlehrerin irgendwie noch die besten Karten. Jonas versucht es erst gar nicht und wechselt nach zwei Worten ins Englische. Der Plan die Zuschauer bis an die Grenzen der Verzweiflung in die Irre zu führen geht nicht wirklich auf: Bereits während Martin die Regeln für das Spiel erklärt und noch bevor er ankündigt, welchen Gewinn es geben soll, zeigt bereits einer der fünf anwesenden Zuschauer auf Rémy.

Später tummeln sich auf der Straße viele Studenten- und Jugendgruppen, hocken vor einer mit hunderten von Kassetten dekorierten Kneipe gegenüber und auf einem Platz nicht weit weg. Mitten in der Innenstadt steht dort ein hübscher Brunnen und ein Junge aus Stein scheint Wasser aus einem Krug hinein zu gießen. Drinnen macht Martin nach dem Auftritt weiter, bringt die plötzlich hineinschneiende Meute mit seinen bekannten und heiß geliebten Dj-Künsten zum Feiern und muss dann um halb Zwei (!!!) das letzte Lied über den Plattenteller schieben. Dann ist es vorbei mit Party und kurze Zeit später kehrt steinerne Ruhe in die Altstadtgassen ein.

Dienstag, 10.Juli 2012

Omaha ruft und wir kommen geflogen! Am 3./4. August wird in der Substanz in Leipzig mal wieder das schönste Labelnetzwerkdingens der Welt gefeiert, und wir wollen da natürlich mitfeiern. Gisbert, Daantje, Nicolas, Julian... Das wird ein großes Fest. Und zur Feier des Tages lassen wir die Verstärker und Effektpedale zu Hause und laden statt dessen die Akkustikgitarren, Melodicas und Stylophone ein. Wird grandios.

Bis denne, eure Jokermänner

Dienstag, 7. Februar 2012 (Im Märzen die Jokermänner...)

...die Köfferlein packen, die Instrumente stimmen, den Wagen anschmeißen und die Straßen der Republik ein wenig unsicherer machen. Und round and round and up and down we go again! Nachdem wir letztes Jahr März und Tour als gute Kombination befunden haben, sind wir auch 2012 on the road again. Ein Fest für alle, die sonst no satisfaction getten oder deren first love (und last love natürlich auch) music ist. Und für alle anderen well-respected men und women erst recht. Uhhh baby, we know what you like!

Sincerly, C. Jokerman

Waldkirch, 24. November 2011

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und crime killing joker man versammeln sich in kleiner Runde in ihrem Hauptquartier, um dies auch zu feiern. Es gibt Punsch, Kaffee und Kuchen und dazu die neuesten Schmakerl vom bevorstehenden zweiten Album, um die weihnachtlich gestimmten Ohren zu verwöhnen. Als spezieller Gast ist Johannes Winter, seines Zeichens Gitarrist von Neo Rodeo, zugegen und spielt auf seiner Gitarre ein paar Lieder über das Leben und die Liebe.

In dem Sinne:

Kommt vorbei, seid dabei...

Freiburg, 09. Oktober 2011

Das Frühstück ist dekadent und üppig. Es gibt gematschte Eier, Käse und Schinken im Überfluss und dazu heißen Kaffee und Tee. Im Hintergrund des Holztisches hängt ein Plakat mit Kurt Kobain, Dave Grohl und Krist Novoselic, davor steht einen Kerzenleuchter und die Stimmung hat etwas von einem aufgeregten Sonntagmorgen. Dementsprechend zügig bereiten wir den Aufbruch in heimische Gefilde vor, bedanken uns mehr als einmal artig bei Kathi und ziehen dann mit dem olivgrünen Omamobil in den dichten und bergigen Wald vor Freiburg.

Das Wetter auf der Fahrt ist sonnig, seitlich säumen Wiesen mit Kühen und Bauernhäuser unsere schmalen Trassen und Martin fährt zielsicher durch die Pampa in wunderschöne Täler und biegt dann ganz von der asphaltierten Straße ab um durch einen steinigen Waldpfad in Richtung Ibental zu gelangen. Als wir dann Freiburg erreichen und die Temperatur um gefühlte zehn Grad steigt, ziehen langsam die Wolken zu und der Herbst macht uns klar, das wir ihm selbst hier nicht mehr entfliehen können; im Grau eines menschenleeren Sonntags machen wir uns ans Ausladen der Instrumente.

Das White Rabbit ist gewohnt schön und finster, jedoch mit einer vollkommen neuen Anlage ausgestattet sodass sich Gunnars dunkle Vorahnungen nicht bestätigten und er bald mit seinem bekannten breiten Grinsen durch die Gegend läuft. „Heute wird alles gut,“ sagt er zu Jonas und macht sich ans Verkabeln. Wenn man in den hinteren Teil der Bühne geht, gibt es links einen kleine Tür. Als ich sie öffne, erscheint vor mir ein einengender Raum mit 'nem kleinen verranzten Waschbecken und einer Eistruhe. Die Stablampe hüllt ihn per Knopfdruck in gespenstisches Rosa und der aus Gittern bestehende Boden gibt den Blick auf weiter unten gelegene Lagerräume frei. Ich stelle mir vor wie ein Gitterstück unter meinem Gewicht nachgibt und ich ins dunkle Kaninchenloch gezogen werde um in einer anderen Welt(ordnung) zu erwachen...

Zurück aus dieser merkwürdigen Phantasie und doch mit einem Haufen Erinnerungen an die vergangenen Tage belebt, spielen wir ein würdiges letztes Konzert was mir persönlich wie ein musikalisches Resümee unserer kleinen Rundreise vorkommt. Die Rhythmen sind knackig und schnell, manchmal aber auch zart und mitfühlend, die Gitarren tönen den melodiösen Punk den ich so liebe und verhacken sich ineinander um immer wieder neue Flächen und Melodien freizugeben. Meine Stimme hat sich etwas erholt und findet sich wieder nah bei den Liedern während Jan sehr entspannt grinsend sich bei den rockigen Momenten wie in Angriffsmodus begibt, um mit seinem Bass wild durch die Gegend zu schießen. Gunnar serviert dabei seinen gewohnt feinen Sound, der andeutet zu was er fähig ist, wenn mal die Technik stimmt und auch die Tourgeschichten haben ihren festen Platz im Ablauf: jeder plaudert ein bisschen aus dem Nähkästchen während das Publikum schunkelnd-tanzend das lange Set abfeiert. Dann kommt das letzte Lied, immer wieder tönt „come along with you“ aus unseren Mündern, so lange bis das Ganze in einem merkwürdig zerrütteten langgezogenen Ton kollabiert, Jan als letzter in die Knie geht und unseren Wettbewerb gewinnt. Dann ist es vorbei.

Was gäbe es nun als Fazit dieser Tour festzuhalten? Welche Erkenntnisse haben wir daraus gewonnen? Welche groben Fehler haben wir uns geleistet und natürlich auch die Frage aller Fragen: was soll das Ganze überhaupt? Nun, festzuhalten bleibt das Autobahnfahren sehr viel Spaß machen kann, vorausgesetzt man hört dabei Musik von Kraftwerk. Auch ein Ergebnis könnte sein: Unsere Musik kann was, auch wenn sich recht wenige im Publikum verirrten. Auch festzuhalten ist: Mit dieser Band kann man (also ich) sehr schön reisen und dabei auch Einiges erleben, auch wenn sie nicht die größten Partynasen sind. Sie haben Charakter, wie Martins Auto und wie die Lieder, die mit uns gewachsen sind...

Stuttgart, 08. Oktober 2011

Die lange Fahrt steckt uns sichtlich in den Knochen, das viele Konzertespielen auch. Der alte Bus rattert mit rumpeligen Vergnügen die geschwungenen Hügel von Esslingen hoch und in meinem Kopf schwirren verschiedene Kosenamen für das süße Teil. „Die Laube braucht auf jedenfall Zeit, so wie ein dickes Mädchen, das man erst kneten muss damit sie heiß wird,“ erkläre ich Martin während meiner zweiten „Fahrstunde“ während er mit böse knurrenden Kommentaren zu meinem Fahrstil zurückschießt.

Wenn man aber ein Prädikat festhalten kann, was unseren Tourbus angeht, so ist es das das Wort „Oldschool“, denn die Ästhetik früherer Tage verleiht einem ein Gefühl für die Besonderheit, die ein altes Auto darstelle. Ebenfalls unter dieses Prädikat fällt das Schlampazius, unser Laden für die heutige Nacht. Kaum betreten wir das, an einer Kreuzung gelegenen, Lokal steht vor uns der runtergerockte Tresen und ein Besitzer, der mit seinem Laden in einer Zeitschleife zu leben scheint. Seine lockig-grauen Haare und sein überaus ruhiger und entspannter Tonfall lassen mich erst einmal daran zweifeln ob er überhaupt zuhört wenn wir mit ihm sprechen, aber natürlich versteht er ganz genau was so um ihn herum passiert.

Jamhed sind eine schöne Mischung aus vielen Bands die einfach toll funktioniert. Einerseits sind da die krautig-sphärischen Gitarrenflächen, die ein bisschen an Velvet Underground, Grateful Dead und die Dandy Warhols erinnern, andererseits tönt das Keyboard manchmal wie die frühen Air und der Gesang könnte manchmal auch von Liam Gallager stammen, wobei dieser seine gefühlvollen Melodien wahrscheinlich nicht so weit in den Hintergrund stellen würde. Die Stunde die sie spielen vergeht wie im Flug und schon tönt unter johlendem Beifall der letzte Song durch den uhrigen Raum.

Gunnar sitzt mitten auf der Bühne, wippt mit seinen Füßen im Takt der Musik und mischt mit sichtlich angestrengter Miene quasi blind unsern Klang ab. Das Publikum hat sich mit ca. zwei Metern Abstand um uns herum positioniert und schunkelt ein wenig mit, während wir unsere fehlenden Reserven in den Raum zu schleudern versuchen. Ab Hälfte des Auftritts ist bei mir dann dicht und ich verbringe den Rest des Sets im Halbdelirium. Jedesmal wenn ein Lied, quasi von alleine ablaufend, endet, öffne ich, wie aus einem Traum erwachend, die Augen und schaue betreten ins Publikum. „Wir waren so lange unterwegs und haben dabei so viele Autobahnen gesehen,“ sage ich mit müder und angekratzter Stimme „dass mir, wenn ich jetzt die Augen schließe, die ganze Zeit weiße Streifen entgegenkommen.“ So verkommt die restliche Samstagnacht zu einem schnellstmöglichen Rückzug in gemütliche Gefilde und das Feiern wird, diesmal einstimmig, abgesagt.

Leipzig, 07. Oktober 2011

Die Wolken werden immer wieder von Sonne durchbrochen als wir uns in den langen Stau einreihen, der uns von Nordosten her bis zum Innenstadtring begleitet. Als wir dann schließlich vom Hauptbahnhof in Richtung Plagwitz fahren, lichten sich die Autoreihen und geben denn Blick frei auf die herbstliche Seite der Industrieromantik, für die Leipzig so bekannt ist. Zwischen frisch renovierten Altbauten zeigen sich immer wieder halbverfallene Ruinen von ehemaligen Fabriken und Herrenhäusern.

Im Cafe Kaffe Schwarz selbst ist nicht viel los, es scheint sich ein geruhsamer Abend einzustellen mit einigen losen Grüppchen, welche verteilt an orientalisch anmutenden Tischen sitzen und vorzugsweise Tee trinken. Die Anzahl der Getränke ist durch Märkchen begrenzt und das fantastische Essen recht schnell verschlungen. Das Konzert dann ist ein Auftritt für Freunde, die in geringer Anzahl aber mit breiten Grinsen quer über ihre Gesichter und minimalistisch impulsiven Tanz ihre Begeisterung zeigen.

Nach dem Konzert stehen wir alle irgendwo zwischen „Bühne“ und Straßenbahnhaltestelle, trinken, rauchen und schmieden kleine Pläne für die Zukunft. Ein Mann ist ganz überrascht auf seine alten Tage das so swingiger Sound aus dem Lautsprechern kommt. „Ich war selber mal Musiker, so richtig als Beruf, Swingbands waren damals sehr in aber nicht mit so vielen Gitarren,“ erklärt er mit leiser heiserer Stimme und ist dann noch mehr überrascht als ich ihm erzähle das ich aus Kasachstan komme, fängt sogar auf Russisch mit mir zu sprechen an. „Das ist ja ne ganz andere Kultur da unten“ ich nicke und lache.

In die regnerische Nacht hinein, geschützt von selbst-renovierten Mauern, bauen wir unser Schlafgemach auf. Durch einen kleinen Spalt im Fenster dringt frische kalte Luft ins Zimmer und das Licht von Straßenlaternen verteilt sich wie Flecken über die Decken und Schlafsäcke. Als wir am nächsten Morgen in der Frühe aufbrechen und völlig verschlafen in unseren 1969-er Tourbus steigen, kommt Lorenza, eine Südafrikanische Bewohnerin des Hauses, beigelaufen und fängt in der fürchterlich trostlosen Gräue des in uns wach-gerissenen Morgens an zu tanzen, einfach so, mitten auf der Straße und winkt und springt bis wir um die Ecke sind.

Tharand, 06. Oktober 2011

Zwischen Hügeln verborgen und von einem kleinen Strom durchflossen liegt Tharand nicht weit von Dresden entfernt. Nach einigen Konzerten im Rücken und vielen lauen Späßchen, die zunehmend an Originalität verlieren, beschließen einige das Weite zu suchen und in die Einsamkeit des Waldes zu fliehen. Andere hingegen denken sich nichts dabei und drehen kleine Filmszenen am und im Wasser.

Nach unserem Konzert sitzen wir wie gewöhnlich etwas in der Gegend herum und lassen uns auf spontane Gespräche mit leicht angetrunkenen Besuchern ein. „Euer Konzert war schön,“ sagt ein blonder Junger, der uns bereits vom Frühlingsauftritt in der Dresdner Veränderbar kennt, „aber ihr müsst aufpassen.“. „Weswegen denn?,“ frage ich etwas überrascht und doch interessiert. „Ihr dürft die Anti-Style Schiene nicht zu hart durchziehen. So ist schon o.k., aber nicht mehr, weiste,“ „Wie meinst du das?,“ frage ich ihn hinterkopfkratzend. „Na du, mit deinen Unterhemden,“ - er zeigt zu Martin - „und du mit deinem Holzfällerhemd und der Typ, der während des ganzen Auftritts seine Schultern hochgezogen hat, das kann auch mal zu viel werden.“ Wir haben tatsächlich Schwierigkeiten ihn zu verstehen, deswegen packe ich meinen bunten Schulranzen auf den Rücken, Martin zieht seine Sonnenbrille von der Nase und klippt sie zwischen den halboffenen Reißverschluss seines Pullovers, dessen Kragen halb hochgestellt ist und wir verlassen mit vielen netten Verabschiedungen den Raum.

Die Nacht liegt ruhig über den alten Häusern und die Dunkelheit wird durchbrochen vom gelblich-orangenen Leuchten der Straßenlaternen. Wir laufen als Truppe von Fünf mit unserem Schlafzeug beladen und das letzte Pfeifen der Pointen schwirrt kläglich durch unsere Münder; nur noch Gunnar ist gewohnt wohlauf und grinst weiterhin mit glänzenden Augen. Hinter den Lichtern der Lampen blickt das Nichts in uns hinein und aus einem sich steil hochziehenden Hang ragt eine alte Professorenvilla gespenstisch aus dem Schwarz. Das Treppenhaus ist behangen mit Geweihen von gejagten Tieren und das ganze Haus erscheint wie ein verwesender Nachklang an vergangene Zeiten. Die alte Weltordnung im Zerfall und mit Visionen von der neuen, schleichend heraufziehenden, Weltordnung, welche Anselm, unser Gastgeber uns kurz vorm Schlaf noch grob erklärt, legen wir uns endlich ins Bett und sind sofort weg.

Dresden, 05. Oktober 2011

Wie der Herbst uns doch beikommt und uns wie von Hinten einfängt und mit bunten Blättern überschüttet. Der Dresden Alauenpark liegt in Wolken gehüllt und ich mache ein Foto von einem Mülleimer, aus dem sich verbrauchte und entleerte Verpackungen in bunten Farben in alle Richtungen über die Parkwiese erstrecken. Es sind kaum Menschen da und die Stadt stellt sich noch etwas schlafend um diese Tageszeit. Auch hier stellt sich eine Art herbstlicher Trott ein, wie als ob der Sommerurlaub in den Gedanken liegt und die Menschen noch nicht ganz angekommen sind in den Wirren der Realität.

Die Zille ist mit alten Tapeten behangen und der Hinterraum füllt sich recht schnell als Krachgarten zu spielen anfangen. Ihre etwas nöligen Texte erinnern Jonas an eine Mischung aus Neerström und Staring Girl, die sich angenehm in rockige Gefilde steigert während die seitlich herunterhängenden Haare sich schwitzend begegnen...

Dementsprechend ist die kleine Menge von ca. 50 Leuten aufgeheizt und während unseres Konzerts strömen immer mehr in den kleinen Konzertraum mit der Wendetreppe. Der Schweiß tropft zwar nicht von der Decke aber viele grinsende und tanzen Gesichter begegnen uns wenn wir unsere Blicke von dem Spiel an unserer Instrumenten in den Raum schweifen lassen. Gunnar groovt von seitlich an der Treppe mit dem Konzert mit und ein Grüppchen älter Jungs (Dj's wie sich später herausstellt) funkelt begeistert mit den Augen. Bei come along with you fangen wir dann tatsächlich an uns gegenseitig zu betatschen, und fasst rutsch mir der Spruch über die Lippen das so etwas eben dabei rauskommt, wenn man vor dem Konzert MDMA dippt, lasse es dann aber doch und kraule Jan lieber etwas an seinem kleinen Ziegenbärtchen.

Als die Zille uns dann um drei Uhr nachts rausschmeißt stehen wir auf der Straße und müssen uns entscheiden und natürlich gehen wir, nach bekannter Jokerman-Manier, nicht auf die Piste sondern zum gemütlichen Dachboden, der uns Schlafplätze gewährt. Nur Martin und ich können noch nicht schlafen und laufen noch etwas durch die Nacht. Während wir laufen bricht das Gespräch nicht ab und wir halten bewundernd an einem weißen Volvo fest der unser Auto ist, nur in einem anderen Leben. Plötzlich taucht ein junger Mann auf und bittet um Feuer. Er ist aufgedreht und redet wild von seinem bisherigen Abend. „Habt ihr ne Fluppe,“ fragt er wie aus dem Nichts während er erklärt das er „mindestens 300 Aufrisse“ diesen Abend hatte. „Es geht immer weiter,“ zitiere ich Udo Lindenberg um ihn zum Weitermachen zu motivieren und er entschwindet hektisch in der gleichen Straße wie wir.

Hamburg, 03. Oktober 2011

Die Reeperbahn liegt ruhig und fast wie in der Schwebe während die Besucher, behäbig entlang der langgezogenen Gerade flanierend, im Hamburger Trott aus und in die Seitenstraßen strömen. Für mich ist es der dritte Besuch in dieser schönen Großstadt und ich muss zugeben das ich sie sehr lieb gewonnen habe in der kurzen Zeit, in der sich die Möglichkeit ergab sie kennen zu lernen.

Das Molotow begrüßt uns mit kostenlosen Getränken und wenig Platz auf der Bühne. Der berühmte Klub im Keller ist geschlossen und in der Toilette darf man während dem Pinkeln schon mal seine Frisur checken, da auf Augenhöhe kleine Rundspiegel (mit fast perfekt angeordneten Rissen) aufgehängt sind. Die Wände sind beklebt mit Postern der Großen, die hier schon waren und wir Kleinen, die schon immer davon träumten hier zu spielen, machen es uns zwischen grünem und rotem Licht gemütlich während die ersten Töne durch den Raum gehen.

Die Besucherzahl ist recht verhalten und trotzdem ist die kleine Bar bei weitem nicht leer, schade nur das die Menschen trotz offenen Augen und begeisterten Blicken es nicht schaffen mal ne Hacke zu drehen aber es ist ja der Norden; die zurückhaltende Zuneigung. Wir entscheiden uns das lange Set zu spielen und unter uns herrscht eine aufgeregte Stimmung. Alle scheinen sich wirklich wohl und in sich ruhend zu fühlen, mal ne Grinse da, mal ein verzogenes Schmunzeln dort. Danach sitzen wir auf den Holzbänken vor der Tür und lassen uns etwas feiern während die Boutique Bizarre mit ihren gelblich-silbernen Lichtern von der anderen Straßenseite leuchtet.

Wenig später sitze ich in einer Wohnung nahe der Reeperbahn und drücke abwechselnd mit Isabelle die Plastiktasten des braunen Omnichords, eine Art Synthie für Unmusikalische. Doch bald schon drückt uns die Müdigkeit nieder während die Transen vor der Tür noch einiges zu klären haben, doch ihr Gebrabbel liegt uns nicht lange im Ohr.

Herford, 01. Oktober 2011

Die Sonne schimmert durchs Halbdunkel, und frischer Tau liegt auf den Feldern zwischen Kollnau und Freiburg. Unser olivgrüner Bus gleitet auf der rechten Spur durch die wenig befahrene Schnellstraße. Der starke Kaffee schmeckt, je früher der Morgen, umso besser und gibt uns schon bald das Gefühl unterwegs zu sein.

Da Jan nach über einem Monat aus Kalifornien zurückgekehrt ist und jeder so seine Reisegeschichten in petto hat, vergeht die elfstündige (!) Fahrt recht schnell. Es ist fast wie ein Wiedersehen nach den Sommerferien, wo jeder Schüler sich insgeheim freut, die Klassenkameraden wiederzusehen. Ab Gießen fahren wir dann, wegen gesperrter Autobahn, die Genießerstrecke über Land, und Luft & Landschaft verleihen bereits ein Gespür vom freien Landleben, welches uns aus den weit in sich hineinziehenden Baumreihen entgegen ruft.

Das Fla Fla kommt zunächst etwas bieder daher. Aus der Anwaltskanzlei im Erdgeschoss wird dann im zweiten ein Wunderland mit verschiedenen hübsch dekorierten Räumen. Wir schließen Gunnar in die Arme, bauen auf und testen den Raumklang mit ein paar Liedfetzen.

Die Vorgruppe Dirty Little Herberts geben einen feinen Einklang mit ihrer melancholischen und pulsierenden Version der Arctic Mokeys. Die Rhythmen sind treibend, und Jonas, Martin, Jan, Jasmin und ich kriegen ein leichtes Lächeln auf den Lippen, das ganz westfälisch das Gefallen von etwas ausdrückt, während Gunnar routiniert gefasst von hinterm Mischpult im Takt mitnickt.

Unser Konzert dann ist so eine Art öffentliche Probe: Da Jan quasi ungeprobt nach über einem Monat voll ins Geschehen geschmissen wird und das Publikum auf diese bestimmte zurückhaltende Art & Weise seine Zuneigung zeigt, sind wir ein bisschen verspielter als sonst. „Das ist Jazz,“ erklärt Martin später als wir an einem improvisierten CD-Stand mit zwei der Jungs von der Vorband quatschen „und heute waren ein paar mehr jazzige Teile dabei“.

Freitag, 30. September 2011

Jetzt geht's wieder los... Die Karre ist gepackt, die Akkorde sind geprobt, der Groove eingegroovt und die Stimmung bestens. Morgen früh wird die Straße erobert und die erste Tourstation Herford unsicher gemacht. Mehr dazu wieder im kommenden Tourtagebuch natürlich.

Cowabunga, crime killing joker man

Dienstag, 26. April 2011

Unser schönes Tourtagebuch kann man jetzt hier schön von vorne bis hinten lesen und die Tour quasi nochmal miterleben. Saubere Sache.

Viel Spaß dabei, eure Jokermänner

Donnerstag, 10. März 2011

Es gibt nicht nur einen Grund zu feiern. Es gibt diverse. Zum einen ist heute endlich unsere Homepage - zumindest in groben Zügen - soweit fertig, dass wir sie ans Tageslicht schicken können. Viel wichtiger ist aber natürlich die heute startende Tour quer durchs Land. Wir freuen uns kriminell und hoffen den einen oder anderen in der einen oder anderen Stadt bei dem einen oder anderen Konzert erwischen zu können.

Beste Grüße,
Eure crime killing joker man