Tourtagebuch

Donnerstag, der 10. März 2011

Erinnerungen an Juli 2000

Ein schwarzer Kombi fuhr vor die alten Häuserreihen des Güterbahnhofs und von der Rampe aus wurde ein Haufen Zeugs in den Hänger geladen, mit Riemen festgezurrt und bereits kurze Zeit später streiften Baumreihen und Autobahnplanken an der Seite vorbei während wir langsam Richtung Norden zogen.

Tourstart war in Giessen, der Heimat unseres Schlagzeugers im kleinen aber dennoch viel zu großen Uhlenspiegel. Nach einem großzügigen und luxuriösen Mittagessen bei Martins Eltern und einer Führung durch die Gemächer ihres Zweistouml;ckigen Schlosses (ein übrigbleibsel aus der Zeit als er noch Schlagzeuger bei Juli war) machten wir uns auf in die Innenstadt.

Der Uhlenspiegel war an einem Donnerstagabend zwar recht spärlich gefüllt, die Stimmung jedoch gut und kaum das die ersten Töne erklangen zeigten Teile des Publikums durch expressiven Tanz ihr Zuneigung und feierten weit verstreut im Raum den immer größer werdenden Punk unserer Lieder. Wir selber waren ungeprobt in die Tour gestartet und so kam es immer wieder zu Aussetzern, welche wir mit mehr oder weniger lustigen Kommentaren zu kaschieren versuchten. Insgesamt aber ein schöner Abend und ein sehr angenehmer Start in die Reise.

Donnerstag, 10. März 2011

Es gibt nicht nur einen Grund zu feiern. Es gibt diverse. Zum einen ist heute endlich unsere Homepage - zumindest in groben Zügen - soweit fertig, dass wir sie ans Tageslicht schicken können. Viel wichtiger ist aber natürlich die heute startende Tour quer durchs Land. Wir freuen uns kriminell und hoffen den einen oder anderen in der einen oder anderen Stadt bei dem einen oder anderen Konzert erwischen zu können.

Freitag, 11. März 2011

Weitläufigkeit in Enger

Wir erwachten durch den Duft frischen Kaffes, den uns ein japanischer Boy an die Isomatte servierte. Nach einem frugalen aber erlesenen Frühstück trugen einige Diener das Gepäck zum heruntergefahrenen Kombi, welcher alsbald schon die Kleinstadt verlies um das westfälische Land bei Enger anzupeilen. Dort wartete in einem stillgelegten Bahnhof schon Gunnar mit Kaffe und Käsekuchen. Bald gesellten sich noch zwei Jungs von „Crystal Pasture“ dazu, dem Hauptakt an diesem Abend, mit denen Ich einen Spaziergang durch die schöne Einöde des westfälischen Dorflebens zum nächsten Edeka machte. Ach, die Landluft…eben noch wollte man der Engstirnigkeit des Schwarzwaldes entkommen und sehnte sich nach der befreienden Anonymität der Großstadt. Stattdessen durchstreift man nun sich züngelnde Stässchen, fühlt die huuml;gelige Freiheit und muss sich an der Kasse im Supermarkt mit Dorfaugen anschauen lassen und plötzlich steht da ein bekanntes Gesicht vor einem, schaut einen an und sagt: „Ich dachte doch, irgendwoher kenn ich diese Stimme, Hallo Konstantin“ „Ah…Hallo Fr. Ennen, was für ein Zufall sie hier zu treffen“ „Ich bin sehr gespannt auf euer Konzert heute Abend“ „Was? Sie kommen“ „Ja, aber natürlich“ „Ich kann mich ja noch gut an die Hähnchen erinnern damals, die waren echt klasse“ „Und bei dem Preis kann man nichts sagen“ „Und Salat war auch dabei“ „Unschlagbar“ Ja, in der Tat.

Am Abend sammelten sich ca. 50 in den zwar kleinen aber abermals viel zu großen Räumlichkeiten des Kleinbahnhofs. Jonas und Ich machten abwechselnd die Vor-vor-Band um so schnell wie möglich an die elektrische Gitarre zu wechseln und die Lautstärke deutlich anzuheben. Das Publikum lauschte aufmerksam und zeigte sich immer wieder durch Fußstampfen erkenntlich und applaudierte extatisch nach jedem Lied. Gunnar hatte uns schon vorbereitet: die westfälische Mentalität ist eher zurückhaltender Natur und so war an Tanzen nicht zu denken auch wenn immer wieder einzelne Ausreißer sich ein paar hüpfende Bewegungen nicht verkneifen konnten.

Crytal Pasture spielten einen sehr eigenwilligen Polka und coverten dermaßen gut deutsche Klassiker (Persönlicher Höhepunkt war das Lied „Model“ von Kraftwerk), dass das ordentlich angeheizte Publikum sogar mit den Köpfen zu wackeln begann, eine richtige Gaudi auf westfälisch.

Der Abend versackte in wahllosen Gesprächen mit Abiturienten und Rock n’ Rollern, Handclappern und Hip-Hopern bevor wir dann die kurze Nachtruhe suchten um dann am nächsten Tag in der Frühe Richtung Hamburg aufzubrechen…

Samstag, 12. März 2011

Hamburch, meine Perle

Nach Jahren im Exil im Süden gab es Samstag endlich die glorreiche Rückkehr in die schönste Stadt der Welt. Meine (also Jonasens) Freunde war grenzenlos. Unsere erste Station hieß Spielbudenplatz, St. Pauli – Balcony.TV auf dem engen Balkon gaben wir nicht nur eine nahezu perfekte Unplugged-Version von Bottle zum besten und waren die erste Kapelle, die ein Stylophon eingesetzt hat, sondern bekamen Jan auch lebend von der Brüstung zurück. Ein Absturz auf das Hamburger Pflaster wäre für den Tourfortgang eher ungut gewesen.

Nachdem wir unsere Karre diebstahlsicher bei einer Tankstelle abstelle konnten, ging es runter zu den Landungsbrücken und zu einem vorzüglichen Mal in einem spanischen Restaurant im Portugiesenviertel. So verpflegt konnte das Konzert in der Hanseplatte nur gut werden. Vor dem Laden fand während des Aufbaus eine interessante Demo statt, bei der das erklärte Ziel war, alles „fuck“ zu finden. Finden wir gut so was. Gut finden wir auch die Band vom Hanseplattten-Aaron die F.K.A.P. Sprout war. Sehr feine Musik. Die Platte wird top.

Der Besucherstrom zum Konzert später war anfangs eher ein Besucherrinnsal. Mit Konzertdauer wurde es aber immer voller. Sehr netter Abend definitiv. Anschließend wurde noch etwas auf Vernunft gepfiffen und die Schanze etwas unsicher gemacht. Dann hieß es aber „Ab nach Quickborn“ und nach einem Teller lecker Linseneintopf von Mutti nichts wie in die Heia. Auf das die kommenden Studiotage zumindest in halbwachem Zustand verbracht werden können.

Mittwoch, 16 März 2011

Gesprächsfetzen in Linden

Robert, Jan und Ich betreten so gegen zwei das „Faust“, einen Laden der unter der Woche um diese Zeit noch offen hat. Es läuft minimalistischer Elektro und gerade wenn eine Melodie droht, sich in die Musik einzuschleichen, ist sie schon wieder verschwunden. An der Bar zückt Robert den Geldbeutel um ne Runde zu schmeißen, ich bestelle einen Wein. „Den musst du aber selber zahlen,“ sagt Robert. Als der Kellner mir ein Glas mit rotem Traubensaft über die Theke schiebt kommt eine Stimme von links „Wein, du bist aber stilvoll“ Die Stimme kommt von einer jungen Studentin mit lustigen Grübchen. So kommt man ins Gespräch:

Wir kommen von einem lustigen Konzertabend im Kulturpalast mit Robert alias Neerström und seiner geliehenen und leicht verstimmten 69’er Fender Strat, uns und den trashigen Trashlords, die den Abend mit viel Biertrinkstimmung beenden. Sie kommt von einem Beatsteakskonzert. Für uns ist das Kommerz denn wir lieben das Kleine und Charmante, für sie ist das „das Größte“. Als sie erfährt dass wir Musiker sind, will sie sofort wissen was wir denn so spielen uns als sie das erfährt fragt sie nach dem Schlagzeuger, denn sie liebt Schlagzeuger und musikalische Menschen sowieso. Als wir dann unsere Bandnamen loswerden sagt ihr das natürlich nichts und wir grinsen uns alle leicht aus den Augenwinkeln an. „Wir haben so ne Art Netzwerk, das wurde von nem Typen gegründet der jetzt auch ein bisschen bekannt geworden ist, er heißt Gisbert zu Knyphausen“ Ein lauter Schrei entfährt ihr: „Ich liiiiiiieeeeeebe Gisbert zu Knyphausen, ich habe beide CD’s. Ich will ihn heiraten!“

Auf einmal will sie dann unser Groupie für den Abend sein, schaut dann aber immer wieder auf ihr Handy, wartet auf ihre Freundin, schmiegt sich dann abwechselnd an Robert und mich, streichelt mit ihrer Hand an unseren dürren Oberarmen entlang und ist dann wenige Minuten später verschwunden.

Die Musik wird für einen Augenblick besser, eine Melodie schmiegt sich aus der Dunkelheit der „Faust“ in unsere Ohren und wir beginnen unsere Körper in verschiedene Richtungen zu bewegen. Jan macht den Astronauten, Ich bin ein Verbrecher auf Freigang und Robert guckt verträumt durch den Raum. Aber das hält auch nicht lange. Jan verdrückt sich an die Bar, ich verliere die Lust als zum tausendsten Mal der gleiche langweilige Rhythmus von neuem einsetzt. „Es ist wie unsere Zeit,“ sag ich zu Robert „voller Leere“ „Nein,“ entgegnet er „ich bin nicht leer“ und tanzt mit neuer Energie weiter während wir uns verabschieden und durch Hannovers leere Straßen den Weg in Missus Dachwohnung zurücklaufen.

Freitag, 18 März 2011

Ludwigsburger Stille

Das Wetter ist neblig und es leuchten verwaschen die Lichter der Schnellstraße durch die beschlagenen Fenster. Die Kälte hat wieder Deutschland in den Griff genommen und die gesamte Fahrt über ist es still im vollgepacktem Auto. Wir erreichen Ludwigsburg gegen frühen Abend und das Demo(kratische)Z(entrum)begrüßt uns mit gutem Essen und familiärer Atmosphäre.

Matze von Café 612 erscheint nicht viel später mit Begleitung die er als Bandkollegin vorstellt. „Macht ihr jetzt auf White Stripes?“ frage ich. „Nein,“ winkt sie ab „ich bin Teil von Vigore“ Sie seien ein Trio aus Bass, Gitarre und Gesang und machten moderne Kammermusik. Nach ca. einer halben Stunde tauchen auch die restlichen Mitglieder auf, sowie Martin und Jan, die noch bei einem tschechischem Prager Frühling Flüchtling ein Mikrophon abkaufen. „Wer ist das denn?“ fragt Martin vieldeutig. „Die Sängerin von der anderen Band.“ antworte ich und ahne schon Schlimmes.

Matze eröffnet den Abend allein und unter einem sehr intimen Kreis von Freunden mit einigen wunderschönen Liedern die er ganz ohne Mirko und Verstärkung in den kaum gefüllten Raum hineinschickt. „Ich komme wieder,“ droht er nach 20 Minuten und mach Platz für Vigore. Die drei Musiker setzen sich in der Formation eines klassischen Trios auf die Bühne und beginnen, tief in sich zurückgezogen, Geräusche durch Entlangschleifen an ihren Instrumenten zu produzieren und die bildhübsche Alice macht sich durch laute Schmatzer bemerkbar. Im weiteren Verlauf slappt sich der Basser durch die Stücke währen der Gitarrist durch möglichst viele Flagelot Töne in den Vordergrund drängt und der Gesang auf gefühlten sechs unterschiedlichen Sprachen das fragwürdige Sahnehäubchen draufsetzt. Dann ist wieder Effektzeit und alle machen auf Avantgarde. Als sie dann zu Ende kommen ist der Raum leer und allein der Mischer steht hinter den Reglern während wir die ersten Töne von „love does not grow on trees“ spielen. Der Klang auf der Bühne ist undefiniert und breiig, vor der Bühne ist es nicht besser. Das große Finale erleben dann gerade drei Leute mit. Matze spielt ein paar Lieder auf seiner Gitarre und wechselt dann ans Klavier während ich das honigfarbene Bier Flasche für Flasche immer besser kennen lerne. Draußen hat es überraschend zu regnen begonnen und die Plane des Anhängers wird nass was natürlich hervorragend zu unserem persönlichen Tourtiefpunkt passt.

Samstag, 19 März 2011

Unplugged 21

Stuttgart ist in Aufruhr. Die Stadt kommt aus dem Protest nicht raus und es ist sehr schön an dieser brodelnden Atmosphäre teil zu haben. Das Café Galao verwöhnt uns gewohnt mit Seelenküche und schon beim Soundcheck macht sich ein Grüppchen heiterer Demonstranten durch Johlen bemerkbar. Diesmal pfeift nicht nur die Anlage sondern eine harmlos aussehende Trillerpfeife ertön von Zeit zu Zeit so plötzlich, dass man kaum Zeit hat sich die Ohren zuzuhalten.

Irgendwann ist das alles zuviel für mich und ich beschließe auszureißen, laufe die Straße vom Marienplatz ausgehend Richtung Hügel, wechsle dann auf ein der vielen Treppen und laufe und renne fast schon immer weiter nach Oben um die Trägheit loszuwerden. Als ich mich irgendwann umdrehe erglüht ein leuchtendes Stuttgart vor mir und der Schweiß fließt in kleinen Strömen. Wie ein Kerzenteppich schmiegen sich hunderte kleine Häuser um die Hügel und die Stille des Hügels wird vom städtischen Rauschen untermalt.

Als wir gegen halb Zehn die Bühne betreten platzt das kleine Café aus allen Nähten und die Stimmung ist wohl auch durch wildes und wahlloses Herrumgehaue auf unseren Gitarren nicht kaputtzumachen. Das Café Galao erlebt seine kleine persönliche Revolution. Was wir dann aber spielen ist tatsächlich wildes Herrumgehaue wenn auch nicht wahllos und taumelnd bis euphorisch von den, immer wieder im Takt schaukelnden, Publikum gefeiert. Am Ende ist es wohl nur schwer für Matze und Timo (von Café 612) die Atmosphäre wieder Richtung Melancholie zu lenken was letztendlich aber gelingt. Währenddessen mache ich Bekanntschaft mit Wulle, welches mir etwa zehn Flaschen Gesellschaft leistet und den übrig gebliebenen Gästen näher bringt. Dann gehen wir raus während sich die Stadt selbst feiert und unser loses Grüppchen immer kleiner wird, sich auf verschiedene Clubs und Zuhausen verteilt. Schließlich verabschieden Sabine, Jan und ich uns an der U-bahn die in entgegengesetzte Richtungen davonfährt. Es ist früh um Sechs und die Straßen wieder gewohnt leer und leise. Unsere Köpfe dröhnen und das Gespräch will und will nicht abreißen bis es das dann doch tut und uns der Morgengrauen in unsren Träumen begrüßt.

Sonntag, 20 März 2011

Münchens Nach(t)glühen

Als wir endlich wach sind bricht die Sonne aus allen Öffnungen in die aufgeräumte Dachgeschoßwohnung hinein und der vernünftigere Teil der Band ist bereits am Frühstückstisch. Während der Fahrt sind wir gut gelaunt und erzählen wild gestikulierend Geschichten welche scheinbar auf ein Happy End zusteuern um im letzten Moment doch in einem Versagen zu enden. Die Sonne bringt Frühlingsgefühle in unsere Herzen und so fahren wir fast unmerklich schon bald durch die, an beiden Seiten mit Reihenhäusern gesäten, Straßen der bayrischen Hauptstadt.

Die Bank, eine größere Bar in der Münchner Innenstadt hat uns heute auf ihrem Abendprogramm. „You Stopp playing at ten zero zero,“ sagt entschloßen der zuständige Kellner und zieht dabei mit seiner Hand einen waagrechten Strich durch die Luft. „At ten zero zero there will be a Dj and I turn down the music.” Er hat eine Glatze, träg ein viel zu kurzes Muskelshirt mit „God save the Queen“ Emblem und der britischen Flagge als Hintergrund und zieht es vor, auf Englisch zu sprechen. Es läuft minimalistischer Elektro und wir fühlen uns merkwürdig deplaziert. Während Jonas und ich uns jeder eine winzige und vollkommen überteuerte Pizza genehmigen steht eine der Gäste von seinem Barhocker auf, bewegt sich auf uns zu und fängt spontan zu tanzen an als währe er gerade auf einer Tanzfläche und umgeben von hunderten anderen Tänzern. Jonas und ich schauen uns unsicher aus dem Augenwinkel an und versuchen ihn zu ignorieren bis er schließlich zu einem anderen Tisch weiterzieht.

Kurz bevor das Konzert beginnt ändert sich die Atmosphäre. Es läuft nun sanfter Gittarenpop und ein kleines Häufchen Menschen sammelt sich vor der improvisierten Bühne. Der Klang unsere Gitarren verliert sich im großen metallenen Raum und so werden wir erst allmählich mit der Situation warm was vor allem den guten Freunden zu verdanken sind, die mit sehr netten Menschen etwas Wärme in die etwas anonyme Atmosphäre tragen. Wir spielen und verspielen uns viel, versuchen es mit schlechten Witzen zu kaschieren und landen immer wieder kleine Achtungserfolge; auch das Barpersonal hat jetzt unsere Aufmerksamkeit. Kurz vor zehn und kurz bevor unsere Anlage runtergefahren wird verschwindet Jan von der Bühne und ist dann nur durch gutes Zureden wieder für zwei Lieder zurückzukriegen bevor er endgültig das Auto aufsucht. „Ich weiß nur daß ich jetzt dran bin,“ sagt er und legt sich ab.

Viele Biers, Weins und vor allem White Rußians später torkelt der Rest der Band und ein Grüppchen Gäste unter vielen warmen Verabschiedungen aus der Bank heraus. „it was great, you can come back in a few months if you want,“ ruft der glatzköpfige Kellner von hinter der Theke winkend als wir auf dem Weg zum Ausgang sind.

Dienstag, 22 März 2011

Der Hausmeister

Mit mir und Leipzig war es ja Liebe auf den ersten Blick und als wir lange nach Anbruch der Dunkelheit die großen Kopfsteinpflasterstraßen dieser schönen Stadt entlang brettern kommt es wieder in mir auf, dieses spezielle Gefühl der Verliebtheit.

Die lustigen Menschen im Waldfrieden sind von unserer Ankunft überrascht, vor allem da sie unsere Amps und Instrumente im Anhänger vermuten. „Ich habe gedacht, ihr macht eine Lesung,“ sagt einer, der sich als Hausmeister ausgibt und wir schauen uns überlegend an, aus wessen Schriften man den am besten vorlesen könnte. „Stattdessen wollt ihr jetzt Krawall machen oder was?“ Wir nicken vorsichtig.

Der Hunger frisst uns auf und der Laden ist wie ausgestorben. Die meisten Gäste verziehen sich in den Garten als wir unsere Gitarren antesten und so beginnt das Konzert mit einem kleinen Haufen Trinker vor unserer Nase bevor dann nach den ersten Liedern immer mehr Gäste von draußen ins Lokal gelockt werden. „Das nächste Lied ist für Menschen die gerne mal etwas tiefer ins Glas gucken,“ sag ich und füge hinzu, „also für Euch“ und schaue schmunzelnd zu unseren treusten Fans, die ihre Blicke für einen Augenblick von ihren Kurzen wegbewegen. Das Konzert läuft aber glücklicherweise in einer schönen Gerade geradewegs nach oben und tatsächlich tanzt und hüpft das gesamte Lokal im letzten Drittel, will uns gar nicht von der Bühne lassen und gefühlte 90 Prozent kaufen eine CD. Während wir eine Zugabe geben kommt der selbsternannte Hausmeister mit einer Flasche Schnaps vor die Bühne gelaufen voller Enttäuschung darüber, dass wir nicht sofort abbrechen und uns dieselbe direkt in den Hals stecken.

„Da gibt es Leute die Euch buchen wollen,“ sagt er mit weit aufgerissenen Augen als das Konzert vorbei ist. „Ihr müsst nur zurück auf die Bühne und weiterspielen“ Es zieht mich vor die Tür um kurz nach frischer Luft zu schnappen während Jonas noch einige seiner Lieder zum Besten gibt. Die Nacht ist still und aus einer Einfahrt kommen immer wieder Menschen herausgelaufen. Ein großer Mann mit langen und glatten schwarzen Haaren, die zu einem Zopf zusammengefasst sind, stellt sich zu unseren Grüppchen. „Ich mochte euere Musik,“ sagt er aus dem Nichts und steckt die Kopfhörer aus seinen Ohren. „Irgendwo zwischen Nirvana und Rage against the Maschine, gefällt mir gut“. Die Kneipe leert sich nur langsam und es läuft Bill Haley and the Comets. Wir tanzen und unterhalten uns, bauen ab und verwickeln uns immer wieder in betrunkene Gespräche mit Gästen und Besitzern. Als dann Alles im Auto und Hänger verstaut ist und alle bereit zum Aufbruch sind ist Martin nicht von der Theke wegzukriegen und spioniert die Lieder einer Internetplaylist aus. „Dosvidanje,“ sage ich zu der halbrussischen Kellnerin wie ein amerikanischer Schauspieler, der einen Russen spielen muss. „Tschüß“ sagt sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen „War schön mit euch.“

Mittwoch, 23 März 2011

Dresdner Stimmen

Der Alauenpark ist gefüllt mit allen möglichen Menschen und als wir mit unseren Instrumenten ankommen ist die Sonne, die den ganzen Tag über wolkenlos geschienen hatte, kurz davor hinter die Dächer zu rutschen und die Stadt erscheint in einem dämrigen Rot. Jonas zupft ein paar Töne auf einer Mandoline, Jan probiert zaghaft einen batteriebetriebenen Bassversträker aus, Martin baut ein reduziertes Schlagzeug auf mit einer Kiste als Bassdrum und ich filme das alles mit einer kleinen Kamera. Während wir spielen sammelt sich eine Traube von Menschen: Väter und Mütter mit ihren Kindern, junge Schüler und Studenten und ein Spanier, selber Musiker, mit einer Gitarre der Jan während wir spielen eins von seinen Stücken vorzuspielen versucht, es dann aufgibt und lächelnd davon zieht.

Die Veränderbar in der dresdner Neustadt ist nur wenige Schritte vom Park entfernt und gut gefüllt als wir unsere Lieder ein weiteres Mal zum Besten geben. Jonas spielt zunächst einige von seinen Godot Stücken, welche durch den holzig warmen Klang des Raumes ganz fantastisch die Melancholie unters Publikum tragen. Einige scherzhafte Disse in meine Richtung (von wegen Hip-Hop ist immer belehrend) tun das Übrige. „Psst,“ sagt er scharfzüngig und ein Pärchen am Tisch nebenan hört sofort auf zu reden „heisst das nächste Lied,“ er lächelt und spielt dann ein trunken melancholisches Happy End zwischen zwei stillen Einsamen.

Unser akustisches Set entfaltet sich über etwas mehr als eine Stunde in den langgezogenen und aufmerksam lauschenden Raum. Martin heizt gewohnt gutgelaunt und mitsingend den Takt vor sich her, Jan stolziert mit leicht kreisenden Bewegungen an der linken Seite der tiefer gelegeten Bühne entlang und Jonas hat Spaß mit seinen vielen Spielzeugen. Nach „beautiful losers“ verziehen sich alle Bandkollegen Stück für Stück von der Bühne (nur Jonas will nicht gehen und hält seinen Balaleikaton so lange in der zitternden Schwebe bis ein paar Tritte ihn hinter die Tür bewegen müssen) und ich covere alleine tjians „the dwarf in my garden“. Am Ende sind natürlich alle wieder da und das Publikum singt leise den Refrain von „come along with you“ mit, imitiert sogar die Stimmspielereien von „blind lovers“ als wir die Bühne verlassen.

Donnerstag, 24 März 2011

Nürnberg, Artefakt

Die Enttäuschung ist zunächst groß. Unsere schlimmsten Befürchtungen werden wahr: ein elektrisches Konzert wäre viel zu Laut und so muss mal wieder ein abgespecktes Akkustikprogramm als Ersatz herhalten. Donnerstag in Nürnberg scheint zumindest eine eher magere Zeit zu sein aber immerhin sind Benni und Domi, die ehemals mal Tjian waren und nun zusammen an Schimmy Jaw werkeln, beide da und Domi sogar mit kleiner Bagage von Bruder und Freundin. Zusätzlich dazu gibt es zwei weitere Grüppchen aus jungen Abiturienten und älteren Stammgästen, die später vor allem Gefallen an Jonas Motörhead-Cover „Ace of Spades“ finden werden.

Der Koch serviert feinste Pasta mit verschiedenen Saucen und kommt sogar später zu einem kurzen Gastauftritt auf die Bühne gelaufen um an Jonas Stylophon rumzuspielen was aber in Tumult und Chaos endet so dass mehrere Cd's in die Brüche gehen.

Ansonsten singen Benni und ich zusammen „dwarf in my garden“ und Jonas macht diesmal wieder den Nachschlag was beim Publikum ziemlich gut ankommt. Alles in allem ein gelungener aber eben nicht überragender Abend.

Freitag, 25 März 2011

Das Dasda

„Das Dasda ist eine schöne und sehr günstige Diskothek, die vor allem zu den Mottopartys gut besucht ist. Einziges Manko ist: Man findet dort zu vielen „Bauern“, aber wer sich daran nicht stört kann hier bedenkenlos Spaß haben“ schreibt ein Mensch in einer Bewertung im Internet über die Dorfdisse welche wir nach unserem Auftritt im Juze Eichstätt aufsuchen. Es ist Freitag und das „Dasda“ lädt zur Djungel-party. Die großen Räume einer ehemaligen Scheune sind gut gefüllt mit feierndem Volk aller Sparten, zumindest wenn man nach den Klamotten geht. Der Dj bedient sich bei der Auswahl der Lieder zu 90% aus den 90-ern und vor allem Martin scheint dies überhaupt nicht zu stören. Als Aufwärmer tanzt er lässig zu „Crazy Town's“ „Butterfly“ (come ma lady, come come my lady, ur ma butterfly shuga, baby) um in entscheidenden Moment zu Rage against the Mashines „Killing in the Name of“ die immaginären langen Haare feurig durch die Luft zu wirbeln und mit ausgestreckter und immer wieder nach oben schießender Hand die berühmte Textzeile „fuck you I wont do what you told me“ mit zu mimen. Zu „Hamma“ tanzen wir drei so verspielt und aufregend durch die Gegend, dass sich sogar eine kleine Traube bäuerlicher Schönheiten um uns herum bildet.

Ich selber komme ja aus dem Dorf und habe zu dieser Zeit immer versucht solche Läden wie das „Dasda“ zu meiden (Titisee Twister war so die Spelunke vor der ich mich hütete). Aber in dem Moment wo wir dort sind gibt es für mich nichts schöneres als diesen Laden. Leicht angetrunken und gelassen lasse ich mich in die erdige Atmosphäre voller hübsch geschminkter Bauerstöchter fallen und vermisse zu keiner Zeit den Zynismus, den z.B. die Freiburger gerne dem Leben entgegenbringen. Um mich herum der Mix aus allen möglichen Szenen die in einer Stadt niemals zusammen feiern würden und alle tanzen sie zu dieser schlechten Musik, sogar Schlager geht irgendwie durch.

Jan und Martin scheinen indessen meine Begeisterung für das lustige Lokal nicht zu teilen (meine Interpretation ist, dass sie ihren Coolness-Filter einfach nicht abschalten können) und setzen sich irgendwann gelangweilt ab um nach der nächsten Möglichkeit zu fliehen Ausschau zu halten. Schließlich gebe ich mir einen Ruck und wir verlassen das am Waldrand gelegene Gelände und lassen uns vom I-phone sicher zu unserem Ziel navigieren.

Samstag, 26 März 2011

Villinger Verwirrung

Kurz vor Beginn des Abends rollen wir unter wolkenverhangenem Himmel in die einzige mir bekannte Straße in Villingen. Die Stimmung ist eine Mischung aus Vorfreude, denn schließlich handelt es sich um das letzte Konzert der Tour, und Erschöpfung, den es liegen ja elf hinter uns.

Die Innenausstattung des Café Limba ist seit den späten siebziger Jahren unverändert geblieben und präsentiert sich als punkiges Relikt mit vielen Schweinen, die zerrissene Lederjacken und Nasenpiercings tragen. Der Sound ist gewohnt mäßig, aber die Atmosphäre voll da als wir zum letzten Mal unsere Lieder runterknallen: wir haben die volle Aufmerksamkeit der kleinen Kneipe und als ich zum wiederholten Mal „Bottle“ allen Trinkern widme tönt es gleich aus mehreren feuchten Kehlen „da bist du hier genau richtig“. Irgendwie merkwürdig nach so langer Zeit und so vielen verschiedenen Städten in dieser schönen Spelunke zu enden.

Nach dem Konzert beginnt die Party und Rock n' Roll tönt aus den Lautsprechern, Martin und ich sind in Feierlaune und schwingen ein paar Schritte auf der Tanzfläche um der Müdigkeit zu trotzen. Dort mache ich auch Bekanntschaft mit einer jungen Schülerin welche ihre Kopf an meine Schulter lehnt während ich meinen auf der Bar ausruhe. „Schlaft ihr auch hier im Haus?“ fragt sie. „Wir schlafen zwei Stockwerke drüber,“ sage ich und füge noch zaghaft hinzu „soll ich es dir mal zeigen?“ Sie nickt und folgt mir schließlich durch ein regenbogenfarbenes Fenster auf eine scheinbar verlassene Terrasse mit Blick auf den dunklen Innenhof. Einige vereinzelte Fenster leuchten in der Nacht. Als wir uns unter die Äste eines in die Terrasse hineinragenden Baumes setzen sagt sie: „Weißt du, es gibt so viele dumme Menschen auf der Welt“ Darauf fällt mir wirklich nichts ein. „Und dann gibt es Leute die haben's gecheckt, so wie du“. „Ich,“ antworte ich daraufhin etwas verwundert „habe nicht das Gefühl irgendwas gecheckt zu haben.“ „Nicht?“, fragt sie fast ängstlich. Ich schüttele den Kopf in der Dunkelheit. „Ich bin so verwirrt,“ sagt sie immer und immer wieder. Ihre Worte hallen in der Schwärze des Innenhofs nach und werden zu meinen als wir über einen Grill, den wir als Treppe benutzen, das Haus wieder betreten. „Morgen ist ein neuer Tag, da sieht die Welt wieder anders aus,“ sage ich ihr floskelhaft weil mir nichts besseres einfällt.

Unten ist die Party am gewohnten Lauf und die Leute feiern sich durch den dicken Qualm. Auch Martin und ich sind noch eine Zeit lang dabei, beschließen aber dann der Erschöpfung nachzugeben und den zweiten Stock aufzusuchen. „Ich bin so verwirrt,“ hallt es immernoch in meinem bierverhangenem Schädel „Aber sind wir das heutzutage nicht alle ein bißchen?,“ sage ich mir selbst wie zur Beruhigung während mein Kopf sich in die Matratze wälzt und einschläft.

Sonntag, 27 März 2011

Du hast die Wahl

In meinen Träumen sehe ich einen schwarzen Soulsänger der Textzeilen aus unseren Liedern singt. „Das wäre der perfekte Wecker,“ denke ich und öffne langsam meine Augen. Jan steht vor mir und sing das letzte Stück von „got to get you out of my mind“ in Endlosschleife. „Ach, du bist es“

Tour fahren ist leider auch mit sehr viel Autobahn fahren verbunden. Mit Navigationsgerät ist man dann nur noch auf Transit zwischen zwei Städten während die immer gleichen Planken und Rasthöfe an einem vorbeiziehen. Für unsere Rückkehr entscheiden wir uns deshalb für eine Strecke durch den Schwarzwald und staunen dann nicht schlecht ob der steilen Straßen, die sich an malerischen Hängen entlang züngeln. Wir überqueren auf kleinen Holzbrücken wilde Bäche und die Sonne schickt uns ihre Strahlenbündel durch die Baumwipfel der grünen Schwarzwaldtannen. Heimatgefühle machen sich im Auto breit.

In Freiburg selbst ist dann schon längst der Frühling angebrochen und alles blüht wie sonst nirgendwo auf unserer Reise. Wir verteilen unser Zeug auf alle Mitglieder der Band und verabschieden uns mit einigen Umarmungen. Als Martin und ich kurz nach 18uhr dann die grüne Plane zusammenfalten ruft eine begeisterte Frau „25 Prozent“ und schlägt mit uns ein. Aus einem vorbeifahrendem Auto winken die Menschen.

Es war eine sehr schöne Tour. Danke an Alle die dabei wahren und uns geholfen haben!